Was entsteht, wenn wir das Kennenlernen vor dem Studium bereits als Teil des Studiums begreifen?
Das Spannende an der Prozessgestaltung sind unter anderem die Zwischenräume, die jeweils vor und nach etwas entstehen – Übergänge. Momente ganz im Hier und Jetzt. In diesem Sinne ist das Aufnahmewochenende ein wesentlicher Bestandteil des angehenden Studiums der Prozessgestaltung.
Das Aufnahmewochenende für den Bachelorstudiengang Prozessgestaltung am HyperWerk der HGK Basel beginnt mit einem Ankommen im Ausstellungsraum ‹der Tank›. Zwischen ersten Gesprächen wandern kleine 3D-gedruckte Objekte durch die Hände: eine Schnecke, eine Assel, eine Ameise. Stim Toys, zum Halten, zum Beschäftigtsein, vielleicht auch als leise Begleiterinnen und als Ausgangspunkt.
Beim Picknick auf einer langen Decke wird Essen geteilt und Namen werden geübt, Gespräche entstehen, noch vorsichtig, tastend. Von dort verschiebt sich der Fokus auf die erste Aufgabe. Das Prozessbüchlein führt in Übungen zur Wechselbeziehung vom Individuellen und vom Kollektiven ein, stellt Fragen nach dem Inhalt des eigenen Rucksacks und womit er noch gefüllt werden soll. Und vor allem nach möglichen Anknüpfungspunkten: Was bringe ich mit und wo berühre ich etwas bei anderen
Darauf folgt eine Einführung in prozessgestalterische Tools. Mit den Schürzen, die nun alle erhalten – während sie zuvor nur vom Team getragen wurden – verschiebt sich etwas im Verständnis von Verantwortung. Was vorher bei wenigen lag, wird erweitert. Die Schürze wird zum Toolbelt. In ihren Taschen liegen kleine Blüten, auf denen Begriffe stehen: Co-Creation, Gathering People, Improvisation, Mutual Aid, Resting, Worldbuilding und viele mehr. Es ist keine abgeschlossene Sammlung, eher ein Feld, in dem man sich verorten kann. Was resoniert? Was möchte ich lernen, ausprobieren oder vielleicht auch verlernen?
Aus diesen Fragen heraus entsteht die gemeinsame Aufgabe des Wochenendes. In fünf Arbeitsgruppen wird auf einen Anlass am Samstagabend hingearbeitet: Einladen, Spuren sammeln, Essen gestalten, Raum gestalten und Hosting. Ein Rahmen wird gesetzt durch Material, Zeit und Mentorate, doch innerhalb davon beginnt ein Prozess, der sich nicht im Voraus festlegen lässt. Ideen tauchen auf, werden im Plenum geteilt, verschoben, aufgenommen. Schnittstellenpersonen tragen Fragmente zwischen den Gruppen. Das gemeinsame Bild entsteht nicht vorab, sondern im Prozess.
Am Samstagabend verdichtet sich dieser Prozess in der «fête de fourmis». Die Einladung, ein grüner Umschlag mit einem fein-«fühler»-ischen Text und abstrakten Folienformen – vielleicht Ameisenfragmenten? –, zirkuliert. Beim Ankommen wird der Raum geöffnet durch einen gemeinsamen Awareness-Moment. Fragen werden geteilt, kleine Gespräche entstehen darüber, zum Beispiel was es braucht, um sich wohlzufühlen, und wie wir unsere Privilegien teilen.
Der Ausstellungsraum ‹der Tank› hat sich verändert. Unter einem Stoffzelt liegen Folien-Fussspuren, der sonst offene Glaskubus wurde in etwas Dichteres, Weicheres verwandelt. Ein Audio-Piece, zusammengesetzt aus Stimmen und Klangfragmenten aus dem Prozess, webt sich durch die Stoffbahnen, die wie ein Baldachin von der Decke in den Raum gleiten.
Mit dem Apéro auf Rollen kommt Bewegung hinein, Gespräche entstehen, Gruppen mischen sich. Nach und nach beginnen erste, ihre Spuren zu materialisieren: Ameisenfragmente und Fussabdrücke werden mit der Textilpresse auf die Toolbelts übertragen. Der Prozess schreibt sich in die Dinge ein.
Während es dunkler wird, verändert sich auch die Stimmung. Kerzen und Sunset-Lamps erzeugen etwas, das an Lagerfeuer erinnert. Der Hauptgang kommt nicht als fertiges Gericht, sondern als gemeinsame Praxis: Pasta wird gemacht, Teig geknetet, Nudeln geformt, aufgehängt, gekocht. Der Raum wird warm, der Dampf hängt in der Luft. Es ist ruhig und gleichzeitig belebt.
Dessert passiert im Aufräumen, und spontan entsteht danach noch eine Karaoke-Session.
Am nächsten Morgen sitzt die Gruppe im Kreis zur Reflexion. Vieles wird gesagt, manches bleibt unausgesprochen und ein Eindruck wird besonders häufig geteilt: dass es sich nach dieser kurzen Zeit bereits so anfühlt, als würden wir uns schon länger kennen.
Die fête de fourmis ist ein Abend gestaltet von Studienbewerberinnen für den BA Prozessgestaltung am HyperWerk der HGK Basel.
Der Prozess des Wochenendes wurde von Anna Laederach in Zusammenarbeit mit Florence LeBègue konzipiert und ausgearbeitet. Das Wochenende wurde gehostet von Anna Laederach und begeleitet von Matthias Böttger, Ann Mbuti, Vanessa Opoku, Daniel Nikles und Ivana Jović.
Die Stim Toys sind ein Beitrag von Fini Ledermann, 2. Semester BA Prozessgestaltung.
Text von Ivana Jović, Fotos von Matthias Böttger und Ivana Jović.