Es sind die ersten Frühlingstage des Jahres und wir – die Projektgruppe ‹Was bleibt› – sind für ein paar Tage in die Berge gereist, um einander von unseren Grossmüttern zu erzählen. Die Sonne brennt auf die vom Winter sensible Haut und das junge Gras sticht sanft durch unsere Hosen. Während wir aus vergessen gegangenen Tagebüchern vorlesen und Erinnerungen aufkommen lassen, fühlen wir uns verbunden. Verbunden mit unseren Grossmüttern, aber auch miteinander. Je länger wir erzählen, desto mehr Gemeinsamkeiten dringen an die Oberfläche. Mit jeder weiteren Geschichte werden die Umrisse schärfer, die Strukturen klarer.
So hat T. ihre ganze Jugend lang Bestätigung von Männern gesucht, um sich gut genug und geliebt zu fühlen. Dieses Gefühl kennt auch ihre Enkelin nur zu gut. Beide kompensieren diese Unsicherheiten mit Bemühungen, möglichst allen zu gefallen und vergessen dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Auch U. hat sich nie gut genug gefühlt, weshalb sie möglichst viel für andere tut – und dabei nie zurückbekommt, was sie gibt, und dadurch zutiefst verletzt wird. Eine Verletzung, die über Generationen in unterschiedlichen Formen weitergegeben wird und auch ins Leben ihres Enkels wirkt.
Wir erzählen Geschichten – sie drehen sich und wir uns mit. Grenzen verschwimmen und es wird unklar, wer wann von wem spricht. Zu ähnlich sind sich viele der Gefühle und Muster, als dass es Zufall sein kann. Uns wird klar, dass die Gemeinsamkeiten nicht zufällig sind, sondern von patriarchalen Strukturen geprägt. Beim Erzählen überrascht uns die starke Verbundenheit, die das Teilen der Geschichten und das Einordnen in den politischen Kontext mit sich bringen.
Als fünfköpfige Projektgruppe versuchen wir, diesen Prozess weiterzuführen. Wir tragen die Lebensgeschichten unserer Grossmütter zusammen, fragen uns, was diese mit unserem eigenen Leben zu tun haben und versuchen, sie durch eine feministische Linse in den patriarchalen Machtstrukturen zu verorten.
In Form von Installationen, Texten, Lesungen und Workshops tragen wir Teile dieser Praxis in die Öffentlichkeit und laden zum gemeinsamen Erinnern und Reflektieren ein. Denn wir sind überzeugt davon, dass diese Auseinandersetzung mit dem Leben unserer Vorfahren ein grosses politisches Potential hat. Aufgrund des persönlichen Bezugs kann dies ein zugänglicher Weg sein, sich mit feministischen Themen zu beschäftigen und sich für patriarchale Strukturen zu sensibilisieren.
Unsere Erfahrung zeigt, dass aktives Erinnern, Fragen stellen und sich austauschen viel ins Rollen bringen kann. Es kann nicht nur wertvolle persönliche Reflexionen anstossen und zum Hinterfragen von familiären Dynamiken anregen, sondern auch auf einer gesellschaftlichen Ebene wirken. Sei es, dass durch individuelle feministische Erkenntnisse eine Politisierung stattfindet oder dass durch einen breiteren Diskurs über Grossmütter (und somit auch allgemein über Frauen und genderqueere Menschen) vermehrt gegen strukturelle Ungerechtigkeiten vorgegangen wird. Deshalb haben wir die Geschichten unserer Grossmütter, unsere Gespräche und Erinnerungen aufgeschrieben und planen diese Texte, ergänzt mit politischen Kontextualisierungen, demnächst zu veröffentlichen.
Gerne laden wir alle ein, sich an ihre Grossmütter zu erinnern, sich mit anderen Menschen über Grossmütter auszutauschen und zu überlegen, was deren Leben mit dem eigenen zu tun haben.
Ein abendlicher Nieselregen hat die noch schüchterne Frühlingssonne abgelöst und wir stapfen schweigend den Hügel hinab. Unsere Gedanken sind bei den Grossmüttern, über deren Leben wir mittlerweile mehr wissen als voneinander. Wie sich wohl unsere Grossmütter untereinander verstanden hätten, wenn sie sich kennengelernt hätten?
Durch unsere Erzählungen sind sie jetzt miteinander verbunden, so wie wir es sind, die zugehört haben. Die Stille, die nur durch unsere Schritte auf dem feuchten Waldboden unterbrochen wird, fühlt sich kraftvoll an. In der Luft liegt eine unausgesprochene Klarheit darüber, dass wir einen gemeinsamen Pfad gefunden haben, den wir so schnell nicht wieder verlassen werden.
PS: Eine besondere Gelegenheit, sich mit uns und anderen über Grossmütter auszutauschen bietet das Basler Quartierkulturfestival St. Johann vom Freitag, 24. April 2026. Mit einer partizipativen Installation lädt ‹Was bleibt› dazu ein, sich Fragen zu Grossmüttern und Sorgearbeit zu stellen.
Text: Malena Schmid, Moira Lansdell
Projektgruppe: Julia Sahli, Luana Capaul, Malena Schmid, Moira Lansdell und Nils Niederhauser sind Teil der Projektgruppe ‹Was bleibt›, die sich 2024 im Rahmen eines Diplomprojekts im Bachelor-Studiengang Prozessgestaltung am HyperWerk an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW zusammengefunden hat. Sie bewegen sich in unterschiedlichen Bereichen der Gestaltung und verbünden sich durch eine gemeinsame feministische Praxis.
Dieser Artikel wurde für Hochparterre Campus verfasst und hier veröffentlicht.