Zum Semesterstart beschäftigte sich der neue Jahrgang Ventinove im Bachelorstudiengang Prozessgesaltung am HyperWerk mit Zusammenarbeit, Sprache und Altkleidern. Ausgehend vom Commitment to Collaborate entstanden im Rahmen der Ankommenswochen textile Prozessobjekte und ein gemeinsames Zine.
Wie jedes Jahr starteten die neuen Studierenden mit einer gemeinsamen Projektarbeit ins Semester. Unter dem Titel first fings first beschäftigten sich die Ventinove mit der Macht von Sprache und dem Übersetzen von Begriffen. Zunächst auf sprachlicher Ebene und anschliessend durch die Übertragung in materielle Experimente, wobei aussortierte Textilien als Ausgangsmaterial dienten.
Die erste Aufgabe bestand darin, das «Commitment to Collaborate» (CoCo) des Instituts Experimentelles Design und Medienkulturen (IXDM) ins Deutsche zu übersetzen. Das als Practice Kit angelegte Dokument formuliert gemeinsame Grundlagen für die Zusammenarbeit am Institut und lädt dazu ein, diese laufend weiterzuentwickeln und neu auszuhandeln.
In einem ersten Schritt setzten sich die Studierenden mit sieben zentralen Begriffen des CoCo auseinander: access, consent, collectivity, care, commitment, accountability und harm. Begleitet von Kübra Gümüşays Buch «Sprache und Sein» diskutierten sie unterschiedliche Übersetzungen und Bedeutungen dieser Begriffe. Dabei ging es auch darum, wie Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst, welche Kategorien wir durch sie schaffen und wie sich Bedeutungen je nach Kontext verändern.

Eine Tonne Altkleider als Ausgangsmaterial
In der zweiten Phase ging die Arbeit weiter im neu eröffneten «Culture and Sorting Lab» der Fair Fashion Factory (fff) in Basel. Das Lab beschäftigt sich mit der lokalen Sortierung und Weiterverarbeitung von Altkleidern und arbeitet mit Textilsammlungen von Tell-Tex. Vor Ort stand den Studierenden rund eine Tonne Kleidung zur Verfügung, die am Vortag in einem Quartier der Region Basel gesammelt worden war.
Zunächst beschäftigten sie sich mit den bestehenden Sortierlogiken der Textilwirtschaft. Eine wichtige Unterscheidung ist z.B. «Cream» und «nicht Cream»: Kleidungsstücke werden danach bewertet, wie gut sie sich wiederverkaufen lassen. Ein Markenpoloshirt kann als Cream gelten, verschmutzte Bettwäsche eher nicht.
Die Studierenden experimentierten mit anderen Formen der Kategorisierung. Statt nach Marktwert oder Qualität zu sortieren, entwickelten sie eigene Begriffe und Zuordnungen. So entstanden Kategorien wie «aufblasbar», «funeral», «kreativ», «aufmachbar», «leuchtend», «fetisch», «Klimazone», «slay», «kratzig», «Hochzeit» oder «Vorstellungsgespräch».
Beim gemeinsamen Sortieren wurde diskutiert, welche Kleidungsstücke zu welchen Kategorien passen, wie unterschiedlich die Begriffe verstanden werden und welche neuen Zuordnungen dadurch möglich werden.

Vom Begriff zum textilen Prozessobjekt
Anschliessend arbeiteten die Studierenden direkt mit den aussortierten Kleidern weiter. Ihre Aufgabe war es, die zuvor untersuchten Begriffe des CoCo in textile Prozessobjekte zu übersetzen.
Die sieben Kernbegriffe dienten als Ausgangspunkt für unterschiedliche gestalterische Herangehensweisen. Care konnte beispielsweise den sorgfältigen Umgang mit einem Material in den Vordergrund stellen, während accountability Fragen nach dessen Herkunft und weiterem Weg aufwarf. Die Studierenden entwickelten eigene materielle Übersetzungen, geprägt von persönlichen Interessen, Referenzen und Haltungen.
Ergänzt wurde die Arbeit mit Altkleidern durch einen Besuch bei der Arbeitsintegration Predigerhof auf dem Bruderholz. In Verbindung an das Projekt woolkin, begleitet von den Dozierenden Anna Laederach und Daniel Nikles, erhielten die Studierenden Einblick in die Verarbeitung von Schweizer Schafwolle – von der Schafhaltung und Schur über das Waschen und Zupfen bis zum Kardieren. Damit kam eine weitere Perspektive auf Materialkreisläufe, lokale Rohstoffe und handwerkliche Verarbeitung hinzu.

Zwei Dutzend Prozessobjekte und ein Zine
Im Verlauf der Projektarbeit entstanden sogenannte «Prozessobjekte». Was ein solches Prozessobjekt überhaupt ist und ausmacht, wurde nicht im Vorfeld fix festgelegt, sondern parallel zur gestalterischen Arbeit gemeinsam untersucht und diskutiert.
In einer gemeinsamen Sammlung von Beschreibungen wurde es unter anderem als Experiment, Prototyp, Wegbegleiter, Anker oder Metamorphose definiert. Ein Prozessobjekt kann einen Arbeitsprozess sichtbar machen, zur Interaktion einladen oder als Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen dienen.
Die entstandenen Arbeiten wurden in einem gemeinsamen Zine zusammengetragen. Es dokumentiert die unterschiedlichen Übersetzungen und gestalterischen Zugänge des Jahrgangs Ventinove und gibt Einblick in die ersten gemeinsamen Arbeitsprozesse am HyperWerk. Die Prozessobjekte sind bewusst keine fertigen Endprodukte. Sie halten Zwischenstände fest und bilden eine Grundlage, um die begonnenen Auseinandersetzungen weiterzuführen.

Projekt: first fings first, Ankommenswochen Bachelor Prozessgestaltung am HyperWerk, IXDM, HGK Basel FHNW
Mit: Jahrgang Ventinove in Zusammenarbeit mit Fair Fashion Factory Basel
Konzipiert und begleitet von: Anna Laederach, Ivana Jović und Daniel Nikles