Was passiert, wenn Projekte von Studierenden im Abschlussjahr nicht nur ausgestellt werden, sondern zum Üben einladen? Wenn Besucher*innen nicht nur betrachten, sondern Teil von Prozessen werden?
Am 27. und 29. April 2026 öffneten die Prozessgestalter*innen des HyperWerks ihre Bachelorprojekte im Ausstellungsraum TANK der HGK Basel. An zwei Abenden wurde der Raum zum Arbeitsraum für kollektives Gestalten: ein Ort, an dem Methoden erprobt, Formate getestet und Beziehungen verhandelt wurden.
Tag 1: Ankommen, navigieren, in Beziehung gehen
Der erste Abend von TfT war offen angelegt und lud dazu ein, sich im eigenen Tempo durch den Raum und die installativen Projekte zu bewegen.
Besucher*innen wurden beim Empfang mit einem Begleitheft begrüsst. Es bot Orientierung und enthielt ein fiktives Gespräch zwischen dem Jahrgang Ventisei und einer Besucher*in, das durch das Jahresthema «Widerständige Handarbeit» und die einzelnen Projekte führte. Ergänzend stand beim Empfang sowie im Begleitheft ein Awarenesskonzept und ein individuelles Achtsamkeitsritual als Audio zur Verfügung. Hier ging es um das Ankommen im Raum und um ein bewusstes Einlassen auf die eigene Rolle innerhalb des Geschehens.
Eine weitere Einladung zur Orientierung bot die Bar Tankstell*Inne von Livia Lorenz, die als Infrastruktur für Fürsorge gestaltet war. Je nach gewähltem Getränk wurden Besucher*innen zu unterschiedlichen Projekten geführt. Ein Sirup stand beispielsweise für Ankommen, ein Tee für Austausch, Mate-Limo für Rückzug und ein Ingwer-Shot für Widerstand.
Auf diese Weise wurden für Besucher*innen einige unserer prozessgestalterischen «Tools for Transformation» angeteased: Diese fungieren als konzeptionelles Grundgerüst der gesamten Veranstaltung und als Denkwerkzeuge für gesellschaftliche Transformation. Sie verstehen sich dabei nicht als feste Werkzeuge, sondern als ein wachsendes, kollektives Vokabular, das unterschiedliche Haltungen, Praktiken und Formen des Gestaltens beschreibt. Gleichzeitig dienen sie als anklickbare Filter auf unserer Eventwebseite toolsfortransformation.hyperwerk.ch: von Storytelling über Material Exploration bis hin zu Queering, Mutual Aid oder Creating Access.
Der TANK war für TfT durch gefärbte Stoffbahnen gegliedert, die in Handarbeit entstanden sind. Sie schufen verschiedene Zonen im Raum und trugen Informationen zu den einzelnen Projekten der Studierenden. Installationen luden zur aktiven Auseinandersetzung ein, während Memes Verbindungen zwischen Projektbeschreibungen und Installationen herstellten.
Die Arbeiten im Raum zeigten eine grosse Bandbreite an prozessgestalterischen Praktiken:
In Widerständiges Erinnern von Nils Niederhauser wurde kollektives Erinnern als politische Praxis verhandelt, während Traces of the Immaterial von Momo Ohnewein mittels Photogrammen dazu einlud, über unsichtbare und unbequeme Facetten verschiedener Realitäten nachzudenken.
Encoding Mobility – Listening Prototype von Katerine Omole untersuchte Klang – spezifisch die Klangkultur von ZR Vans in Barbados – als relationale Praxis, und Weaving-Unweaving the Observer von Ananda Dörflinger setzte Langsamkeit durch Handwerk, insbesondere das Weben am Rückengurtwebstuhl, als bewussten Gegenentwurf zu produktivitätsgetriebenem Denken ein.
In Spielplatz von Cat Pöthke wurde gemeinsames Crafting als queere Co-Creation erprobt. Aufforderungen wie «Versuche die falsche Option» oder «You don’t have to know what you are doing» setzten ebenfalls bewusst einen Gegenpol zu Perfektion und Leistungsdruck, während Relation is the Interface? von Jo Jana Arndt Prototypen zeigte, die technische Interfaces als relationale Systeme denken, mit Fokus auf Verbindung zwischen Körpern durch Berührung.
Der Raum nach dem Werk von Noah Müller untersuchte Ausstellen als soziale Praxis, und Transformative Gerechtigkeit üben von Mio, Jan, Maya eröffnete Übungsräume für abolitionistische Perspektiven.
Ein besonderer Moment des ersten Abends war der Apéro. Während der Willkommensrede von Prof. Ann Mbuti und Studentin Catherine Claessen entstand eine Focaccia-Landschaft, zubereitet und angerichtet von Studierenden des ersten und zweiten Jahres. Der Prozess des Anrichtens wurde zur Performance. In den Einbuchtungen der Focaccia lagen Hummusvariationen wie kleine Nester, Rüebli und Gurken rankten sich durch die Landschaft, und Kräuterbutter wurde sorgfältig und verspielt aufgespritzt. Das gemeinsame Essen schuf eine unmittelbare Form von Zusammensein und machte Prozessgestaltung sinnlich erfahrbar.
Tag 2: Gemeinsame Aufmerksamkeit und geteilte Erfahrung
Der zweite Abend von TfT bündelte die Aufmerksamkeit in einem klaren Ablauf und führte das Publikum durch verschiedene kollektive Erfahrungen.
Der Singworkshop Widerständige Stimmarbeit von Catherine Claessen, Fiammina Catti und Adèle Villiger eröffnete den Abend. Stimmen wurden aufgewärmt, Melodien ohne Noten gelernt und miteinander verbunden. Stimme wurde hier als verkörperte und verbindende Praxis erfahrbar.
In der Performance Lebensraum Morsasco von Jules Möhrle rückte das Beobachten in den Mittelpunkt. Stilles Verweilen und das gemeinsame Finden von Konsens wurden als aktive Praxis sichtbar.
Relation is the Interface? von Jo Jana Arndt zeigte im Anschluss, wie sich Beziehungen zwischen Körpern performativ durch Nähe, Berührung und Abhängigkeit gestalten lassen.
Mit einer Drag-Performance von VAN x STICKY RICE wurde Drag als widerständige Handarbeit verhandelt und «Tools for Transformation» mit «trans 4 trans» Perspektiven verknüpft. Dieser Beitrag kam von Studierenden aus dem zweiten Jahr.
Den Abschluss bildete die Afterparty Draw me on the dancefloor! von Lou Tschumi. DJ-Set, Tanzfläche und kollektive Malerei an Staffeleien trafen aufeinander und verschoben das Eventformat hin zu Beteiligung und Begegnung.
Tools for Transformation als Praxis
Über beide Tage hinweg wurde deutlich, dass die Projekte nicht nur Ergebnisse präsentierten, sondern Werkzeuge, welche sich kontinuierlich weiterentwickeln. Es ging um Praktiken, mit denen sich gesellschaftliche Prozesse befragen und verändern lassen und darum, Verbindung zu gestalten.
Das Jahresthema «Widerständige Handarbeit» zeigte sich dabei in vielen Formen. Es wurde materiell, sozial, digital und sinnlich verhandelt. Immer wieder ging es darum, im Konkreten Handlungsspielräume zu eröffnen.
Nicht nur die einzelnen Projekte stellten Werkzeuge zur Verfügung. Auch der Raum, die Begegnungen und das gemeinsame Tun wurden zu Tools for Transformation. So wurde die Veranstaltung selbst zur Praxis, in der Besucher*innen eingeladen waren, mitzudenken, auszuprobieren und Teil der Prozesse zu werden.
Schön, dass ihr dabei wart und Teil von TfT 2026 geworden seid.
Credits
Projekte von den Ventisei: Adèle Villiger, Ananda Dörflinger, Cat Pöthke, Catherine Claessen, Fiammina Catti, Jan Burkhardt, Jo Jana Arndt, Jules Möhrle, Katerine Omole, Livia Lorenz, Lou Tschumi, Mio Baragiola, Momo Ohnewein, Nils Niederhauser, Noah Müller
Apéro: Madleina Metzger, Belarmin Cremonini, Vanessa Scheidegger, Jana Fischer, Eileen Campbell
Szenografie: Jo Jana Arndt, Lou Tschumi, Livia Lorenz, Cat Pöthke
Begleitheft und Kommunikation im Raum: Nils Niederhauser, Jan Burkhardt
Programmation: Catherine Claessen, Fiammina Catti
Awareness und Ankommensritual: Noah Müller, Adèle Villiger
Diese Veranstaltung ist aus der kollektiven Zusammenarbeit der Ventisei entstanden. Viele weitere Beiträge in Organisation, Technik, Care, Aufbau, interner Koordination und gegenseitigem Support wurden gemeinschaftlich getragen.
Prozessbegleitung: Matthias Maurer
Support vom Team: Daniel Nikles, Laura Pregger, Rasso Auberger, Ann Mbuti, Ivana Jović, Matthias Böttger
Fotos: Pati Grabowicz / HGK Basel und Ronja Buser